Nächstes Ziel: eCall für LKW, Busse und Motorräder

Dienstag, 11. September 2018


  • Größte internationale eCall-Konferenz startet heute im Hamburger Haus des Sports
  • 100 Vertreter aus Industrie, Forschung, Politik und Verwaltung beschäftigen sich mit der Zukunft des automatischen Notrufsystems in Fahrzeugen
  • Nach den PKW sollen weitere Fahrzeugklassen mit dem eCall ausgestattet werden


Hamburg, 11. September 2018
– Ein Fahrzeug, das bei einem Unfall selbstständig einen Notruf absetzt, ist keine Zukunftsvision mehr. Seit April 2018 müssen EU-weit neu zugelassene PKW-Typen mit dem sogenannten eCall ausgerüstet sein. Bei der größten internationalen Konferenz zum Thema eCall, die heute im Haus des Sports begonnen hat und vom Mobilitätsnetzwerk ITS mobility ausgerichtet wird, tauschen sich rund 100 Vertreter aus Industrie, Forschung, Politik und Verwaltung aus der ganzen Welt zur Weiterentwicklung des automatischen Notrufsystems aus. Ein Schwerpunkt ist die Einrüstung des eCalls in weitere Fahrzeugklassen wie LKW, Schwertransporter, Busse oder auch Motorräder.

Da der eCall es Rettungskräften ermöglicht, schneller am Unfallort einzutreffen und gezielter Rettungsmaßnamen einzuleiten, ist er verkehrspolitisch von hoher Bedeutung. „Das automatische Notrufsystem leistet einen wichtigen Beitrag zu unserem Ziel, die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren,“ erläuterte Dr. Philipp Gilka vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) heute Morgen zur Eröffnung der zweitägigen Konferenz. Die nun verpflichtende Ausstattung neu zugelassener PKW-Typen geht auf eine delegierte Verordnung der Europäischen Kommission zurück. „Wir müssen über die Zukunft von eCall nachdenken und beispielsweise Fragen wie Nachrüstlösungen und die Ausweitung von eCall auf andere Fahrzeugkategorien vorbereiten und unterstützen“, stellte Pedro Barradas, Generaldirektion Mobilität und Verkehr der EU-Kommission, zum Einstieg in die eCall Days in Aussicht. Zuletzt hat das Europäische Projekt I_HeERO die technische Aufrüstung der Rettungsleitstellen unterstützt. Diese sind nun EU-weit in der Lage, den eCall zu empfangen und zu verarbeiten.

Neben Fachvorträgen zeigt auch eine Ausstellung von Herstellern, Entwicklern und Diensteanbietern aus dem In- und Ausland den aktuellen Stand der Technik des eCall-Systems, und Lösungsansätze für Zukunftsfragen. „Das nächste Ziel ist, den eCall in weitere Fahrzeugklassen zu integrieren, zum Beispiel in LKW, Schwertransporter, Busse oder auch Motorräder“, erklärt Steve Schneider, Geschäftsführer von ITS mobility. Das Netzwerk für intelligente Mobilität in Norddeutschland mit Hauptsitz in Braunschweig ist Veranstalter der eCall Days, und hat die Forschung und Entwicklung zum Thema eCall in Europa von Beginn an federführend begleitet.

Im PKW erkennt der eCall einen Unfall mithilfe von Sensoren, zum Beispiel beim Auslösen des Airbags. Über Mobilfunk wählt das System automatisch die europaweit einheitliche Notrufnummer 112 und stellt eine Sprachverbindung von der Rettungsleitstelle ins verunfallte Fahrzeug her. Vorab wird ein Datensatz an die Leitstelle übermittelt, der wichtige Informationen zum Unfallgeschehen und den erforderlichen Rettungsmaßnahmen erhält. Hierzu zählen die mittels Satellitennavigation ermittelte Fahrzeugposition, der Unfallzeitpunkt, der Fahrzeugtyp, die Antriebsart und die Anzahl der angelegten Sicherheitsgurte. Rettungskräfte können so schnell und gezielt zum Einsatzort geschickt werden – auch in dem Fall, in dem die verunglückte Person bewusstlos ist und keine Angaben zum Unfall machen kann. Eine manuelle Auslösung des eCalls ist ebenso möglich, etwa, wenn der Fahrer einen Unfall beobachtet oder bei ihm selbst plötzlich schwerwiegende gesundheitliche Probleme eintreten. 

Bei anderen Fahrzeugklassen muss der eCall einige Besonderheiten berücksichtigen. „Zum Beispiel ist es sehr hilfreich, der Rettungsleitstelle Informationen zur Beladung eines verunglückten LKWs zu übermitteln, etwa, dass dieser Gefahrgut oder lebende Tiere geladen hat. Beim Motorrad muss beachtet werden, dass sich der Fahrer nach einem Unfall unter Umständen nicht mehr in Hör- und Sprachweite seiner Maschine befindet“, zeigt Schneider aktuelle Herausforderungen in der Weiterentwicklung des eCalls auf.

Es gibt also noch einiges zu tun, um weitere Einsatzgebiete für das automatische Notrufsystem zu erschließen und den Betrieb zu optimieren. Thema der eCall Days ist zum Beispiel auch das Testen und Zertifizieren, für das die ersten vier Monate im praktischen Einsatz hilfreiche Erkenntnisse gebracht haben. „Statistiken über die Anzahl der Notrufe liegen bislang noch nicht vor, dafür ist die Zahl der eCall-fähigen Fahrzeuge auf den Straßen noch zu gering“, erläutert Schneider. Im Sinne des Erfahrungs- und Wissensaustauschs wird auch das Zusammenspiel vom in den EU-Mitgliedsstaaten eingesetzten eCall und dem russischen Notrufsystem ERA-GLONASS betrachtet. „Zielstellung ist es, dass der eCall in Russland funktioniert und andersherum ERA-GLONASS auch in der EU. Hierzu findet eine enge Kooperation statt.“ Auch die Zukunft des von einigen Fahrzeugherstellern angebotenen privaten Notrufdienstes parallel zum öffentlich betriebenen eCall ist Gegenstand der Diskussionen.

Die eCall Days finden seit 2011 jährlich statt, in Hamburg gastieren sie bereits zum dritten Mal. „Die diesjährige Konferenz ist die erste, bei der der eCall im praktischen Betrieb ist. Für alle Beteiligten, die wie wir seit vielen Jahren mit dem Thema eCall beschäftigt sind, ist das ein wichtiger Meilenstein und ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis,“ stellt Schneider fest. ITS mobility beschäftigt sich darüber hinaus in Projekten und Veranstaltungen mit weiteren intelligenten Verkehrssystemen, die den Verkehr sicherer, effizienter und umweltverträglicher machen. Neben dem eCall sind dies zum Beispiel die Elektromobilität, Fahrerassistenzsysteme, autonomes Fahren, Car2X Kommunikation, Satellitennavigation und neue Werkstoffe im Fahrzeugbau. ITS mobility hat unter anderem die erfolgreiche Bewerbung Hamburgs um die Ausrichtung des ITS Weltkongresses im Jahr 2021 federführend unterstützt.